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Die technikbegeisterte Bürgermeisterin von Bad Orb

Die Möglichkeiten der Technik haben schon seit jeher Menschen fasziniert. Das Leben vereinfachen, Probleme lösen, die Kosten senken. Die Verlockungen der neusten Technik sind groß. Die Ergebnisse des Einsatzes sind jedoch nicht immer wie erhofft. Mal funktioniert sie nicht so wie versprochen oder es gibt unerwünschte Nebenwirkungen.

In der hessichen Kleinstadt Bad Orb ist nun ein besonderer Fall zu beobachten. Die parteilose Bürgermeisterin Helga Uhl ist der Technik-Faszination erlegen und von nun an wird den Freibadbesuchern des Tourismusortes eine besondere Aufmerksamkeit zuteil. Denn alle Inhaber einer Saisonkarte müssen sich per Fingerabdruck legitimieren. Kein lästiges Kartensuchen mehr, nein, ganz einfach den Finger auf das Lesegerät gelegt und einem entspannten Schwimmbadbesuch steht nichts mehr im Wege. Natürlich gibt es wieder irgendwelche ewig gestrigen Technikfeinde wie Daniel Mack und der Landesdatenschutzbeauftragte von Hessen, die nun einen auf Spielverderber machen und kräftig an dem System herummeckern wegen den paar Daten, die da anfallen.

Aus Sich des Datenschutzes ist das auch alles gar kein Problem, denn die Abgabe ist ja freiwillig. Gut, jeder der eine Saisonkarte will, muss seine Fingerabdrücke abgeben, aber ist ja seine Entscheidung, wenn er unbedingt so oft ins Freibad möchte. Muss er ja nicht.

Grund für diese fortschrittliche Maßnahme ist der hohe Schaden durch die Weitergabe der Saisonkarten durch den Zaun. Der eine geht rein und gibt seine Karte über den Zaun, sodass der nächste ebenfalls mit dieser Karte das kühle Nass genießen kann. Zwei (oder gar noch mehr) Besuche zum Preis von einem. Das ist mittlerweile ein großes Problem. Sagt die Bürgermeisterin. 5.000-10.000 € Schaden. Sagt die Bürgermeisterin. Die Lösung dafür ist das neue System. Sagt die Bürgermeisterin. Und diese kostengünstige Lösung ist schon für nur 8.000 € zu haben. Pro Jahr. Für die nächsten fünf Jahre. Also insgesamt 40.000 €. Das spart doch eine ganze Menge! Aber nur wenn der Schaden am oberen Ende der eigenen Prognose ist. Aber so genau weiß man das ja nicht. Denn es ist nur eine Vermutung, die genauso richtig oder genauso falsch ist wie eine gegenteilige Behauptung – zB. der Schaden betrage nur 500-1.000 €.

Um zu wissen wie hoch der Schaden tatsächlich ist, müssen die Betrügereien gezählt werden. Dazu gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder es sitzt Personal an der Kasse und kontrolliert die Karten. Da sich auf den Karten keine Passbilder befinden und an der Kasse niemand sitzt, scheidet diese Möglichkeit aus. Zudem wäre nur eine Zählung der Versuche möglich, bei denen gar kein Schaden eintritt, alle „erfolgreichen“ Betrügereien fallen dem Kassenpersonal ja gerade nicht auf, so dass auch deren Zählung nicht möglich ist. Bleibt also noch die Variante, dass die Personen, die ihre Karte über den Zaun reichen, dabei vom Personal beobachtet werden. Diese müssten/würden dann aber einschreiten und es nicht zulassen, dass auf diesem Wege ein kostenloser Eintritt ermöglicht wird. Also scheidet auch diese Variante aus. Es ist also nicht nachvollziehbar wie viele Personen sich einen kostenlosen Schwimmbadbesuch erschleichen. Wie Frau Uhl dann zu ihrer Schadensschätzung kommt, bleibt ihr Geheimnis.

Wäre es nicht noch besser die Schwimmbadbesucher am Eingang zu filmen und per Gesichtserkennung automatisch den Zutritt zu verweigern, wenn die betreffende Person ein Hausverbot bekommen hat? Man könnte die Touristen bei ihrer Ankunft in Bad Orb fotografieren und von ihnen dann automatisiert einen verbilligten Eintritt verlangen. Und wozu braucht man eigentlich die vielen Bademeister? Reichen nicht ein paar Kameras, die softwaregestützt die Schwimmbecken überwachen und den letzten noch vorhandenen Bademeister (irgendwann kann das auch ein Roboter machen) informieren, wenn jemand droht unterzugehen, sonst Hilfe braucht oder sich einfach nur daneben benimmt? – Die neue Technik kann alles. Man muss es nur wollen. Und wenn es Widerstände gibt, müssen halt gute Begründungen her. Da macht sich ein – vermeintliches – Problem sehr gut. Am besten irgendwas mit einem Schaden für die Gemeinde. Dessen Höhe kann man ja einfach schätzen. Gut, beim nächsten mal sollte man den Schaden höher schätzen als die Kosten der angestrebten „Lösung“. An dem Punkt hat sich Frau Uhl jetzt nicht ganz so clever angestellt. Aber egal.

Hauptsache moderne Technik wird eingesetzt. Mit so einer technikbegeisterten Bürgermeisterin schaut Bad Orb in eine rosige Zukunft.

P.S.: Wie wäre es eigentlich, wenn nach dem Eintritt mit einer Saisonkarte, diese für zB. die nächste Stunde gesperrt wird, sodass man in dieser Zeit das Bad nicht noch einmal mit dieser Karte betreten kann? – Nein, das geht natürlich nicht. Die Lösung wäre ja viel zu einfach. Außerdem kann man sich so ja nicht die tolle neue Technik kaufen.